Diskussionsbeitrag zum Positionspapier

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Diskussionsbeitrag Positionspapier

 

Diskussionsbeitrag zum Positionspapier der FG Allgemeine Psychologie zur Lage der Allgemeinen Psychologie

André Knops, Niko Busch, Guido Hesselmann, Melissa Vo, Kathrin Ohla,  Michael Niedeggen, Jascha Rüsseler & Torsten Schubert

Die Fachgruppe Allgemeine Psychologie liefert mit ihrem Positionspapier einen wichtigen Beitrag zur Positionierung der Allgemeinen Psychologie, dem wir zu großen Teilen zustimmen können. Angesichts der bevorstehenden Veränderungen des Studiums ist es wichtig und richtig, für die Einheit des Fachs zu argumentieren. Wir halten es für wichtig und angebracht, dass die Allgemeine Psychologie die angesprochenen Punkte diskutiert und auch mittels dieses Papiers versucht, ihren Standpunkt sowohl innerhalb der Psychologie als auch in Beziehung zu Anwendungsgebieten und anderen Disziplinen zu definieren. Das Papier ist sehr gut geeignet,  in diesem Prozess als Katalysator und Referenz für eine notwendige Diskussion zu fungieren.

Allerdings haben wir den Eindruck, dass das Papier an einigen Punkten zu pointiert und defensiv formuliert ist. Insbesondere empfinden wir die Beschreibung der Beziehung der Allgemeinen Psychologie zu den kognitiven Neurowissenschaften, die leider nicht näher definiert werden, als nicht hilfreich und wenig konstruktiv. Wir haben zudem den Eindruck, dass  durch diese unglückliche Breitseite gegenüber den kognitiven Neurowissenschaften der eigentlich positive Anspruch des Papiers etwas untergeht, nämlich eine Positionierung zur Einheit des Faches und hinsichtlich der entstehenden Herausforderungen durch den Psychotherapiemaster vorzunehmen.

  1. Die Formulierung, dass die kognitiven „Mechanismen, wie sie die Allgemeine Psychologie untersucht, […] Konstrukte (z. B. mentales Lexikon, Flaschenhals in der Aufmerksamkeitsforschung) [sind], die sich nicht direkt beobachten lassen, auch nicht mit neurowissenschaftlichen Methoden“, empfinden wir als nicht sehr glücklich, weil sie impliziert, neurowissenschaftliche Methoden hätten den Anspruch kognitive Mechanismen direkt erfassen zu können. Wir teilen die von FG Allgemeine Psychologie auf ihrer Internetpräsenz unter dgps.de formulierte Auffassung , dass verschiedene Methoden der kognitiven Neurowissenschaften wie etwa das EEG oder die fMRT (z.T. recht komplexe) abhängige Variablen darstellen, die zur Theoriebildung beitragen können.
  2. Der Mehrwert dieser Methoden liegt u.a. darin, dass sie uns Informationen über die Prozesse während der kognitiven Verarbeitung liefern, die sog. „Omnibus-Maßen“, die allein den Endpunkt der bereits abgeschlossenen Informationsverarbeitung erfassen (z.B. Reaktionszeiten) nicht zugänglich sind. Insofern stellen diese neurowissenschaftliche Methoden im Vergleich zu rein behavioralen Maßen einen komplementären Zugang zur Beobachtung kognitiver Prozesse dar, wenn man die Überzeugung teilt, dass kognitive Prozesse ihren Ursprung in neuronaler Aktivität des Gehirns haben, deren Veränderung experimentell manipuliert werden kann. Diese experimentelle Manipulation muss, ebenso wie in rein behavioralen Experimenten, theoretisch motiviert sein.
  3. Die kognitiven Neurowissenschaften können mit ihrem methodischen und konzeptuellen Ansatz eine Brücke zwischen z.B. zellphysiologisch oder molekular orientierten Neurowissenschaften und der Allgemeinen Psychologie bilden. Die Integration der Erkenntnisse, die auf verschiedenen Ebenen des neuralen Systems (vom Neurotransmitter zu neuralen Netzwerken) gewonnen werden, liefert einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der kortikalen Prozesse, die kognitiven Mechanismen zugrunde liegen. Unseres Erachtens sind viele KollegInnen, die sich selbst als Allgemein-Psychologen sehen, um ein ganzheitliches Verständnis mentaler Prozesse wie Wahrnehmung, Gedächtnis, Emotion oder Entscheidungsfindung bemüht. Beispielsweise beziehen sich Interpretationen von Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitseffekten, wie sie in Verhaltensexperimenten gefunden werden, häufig auf bekannte neuronale Phänomene wie rezeptive Felder und ihre Merkmalspräferenz. Daher erfordert ein ganzheitliches Verständnis Allgemein-Psychologischer Konstrukte neben der im Positionspapier propagierten Verhaltensforschung eben auch die Erforschung der jeweiligen neuralen und neuronalen Substrate.
  4. Das Positionspapier suggeriert fälschlicherweise, die kognitiven Neurowissenschaften suchten allgemeinpsychologische Theorien zu „ersetzen“. Das Gegenteil ist der Fall. Beide Ansätze versuchen die fundamentalen kognitiven Prozesse, die menschlichem Verhalten zugrunde liegen zu beobachten, beschreiben und vorherzusagen. Wir würden es begrüßen, wenn die FG Allgemeine Psychologie dies als konvergierende Ansätze mit dem gleichen Ziel verstehen würde, vergleichbar etwa dem Verhältnis zwischen rechnergestützten Modellierungen und empirischer Verhaltensbeobachtung, die sich auch als Teilgebiete der Allgemeinen Psychologie ergänzen, ohne hegemoniale Ansprüche zu hegen.
  5. Das Positionspapier bezieht sich vor allem auf den Einfluss der kognitiven Neurowissenschaften auf die Allgemeine Psychologie. Es sollte aber nicht übersehen werden, dass auch umgekehrt die Allgemeine Psychologie für die kognitiven Neurowissenschaften einiges an methodischen und inhaltlichen Kompetenzen anzubieten hat. Unseres Erachtens sollte die Allgemeine Psychologie nicht darauf verzichten, diese Kompetenzen einzubringen, um zu verhindern, dass das Feld der kognitiven Neurowissenschaften atheoretisch motivierten oder stark datengetriebenen Disziplinen überlassen wird.

Insgesamt haben wir den Eindruck, die FG Allgemeine Psychologie argumentiert sehr defensiv, was sich schon in der Einschätzung ausdrückt, die kognitiven Neurowissenschaften stellten eine „Herausforderung“ und „Gefährdung“ für die Allgemeine Psychologie dar. Wir möchten anregen, die kognitiven Neurowissenschaften eher als Bereicherung zu verstehen, die Theoriebildung in der Psychologie voranzutreiben. Die kognitiven Neurowissenschaften bieten die Chance, die Bedeutung der Allgemeinen Psychologie noch deutlicher zu machen, da die Allgemeine Psychologie in der Regel wesentliche Theorien und Ansätze zum Verständnis neurophysiologischer Korrelate des Verhaltens liefert. Deshalb kann sie auch in Relation zu den kognitiven Neurowissenschaften als Grundlagenwissenschaft verstanden werden (wenngleich nicht ausschließlich).

Damit zusammenhängend plädieren wir auch dafür, durch eine Positionierung der Allgemeinen Psychologie keinesfalls KollegInnen ausgrenzen, die sich ausdrücklich als Allgemein-Psychologen verstehen, die aber neben Verhaltensforschung auch neurowissenschaftliche Forschung betreiben. Wir denken, aus diesem souveränen Selbstverständnis der Allgemeinen Psychologie heraus wird es leicht fallen, für die Notwendigkeit und Förderungsberechtigung Allgemeinpsychologischer Forschung zu argumentieren.